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Wahl 2017: Steigende Arzneimittelpreise

Die Preise für neue Medikamente scheinen teils unangemessen hoch, vor allem im EU-weiten Vergleich. Die Parteien diskutieren verschiedene Möglichkeiten gegen die steigenden Kosten
von Julia Rudorf, Bettina Dobe, 15.08.2017

In Deutschland sind Medikamente überdurchschnittlich teuer

W&B/Nina Schneider

Die Tablette ist rautenförmig und hellorange, und ihre Wirkstoffe Sofosbuvir und Ledipasvir versprechen Großes: Hepatitis C besonders wirksam zu behandeln. Doch das hat seinen Preis. Eine einzige Tablette kostet in Deutschland rund 630 Euro. Bei mehrwöchiger Therapiedauer kommen so pro Patient leicht mindestens 35 000 Euro zusammen. Das 2014 zugelassene Mittel ist nicht das einzige neue Medikament, das Kassen – und damit ihre Beitragszahler – Milliardenbeträge kostet. Das treibt die Ausgaben für Arzneien in die Höhe. 2015 belief sich die Gesamtsumme für Medikamente bei den gesetzlichen Krankenkassen auf rund 36,3 Milliarden Euro – 1,4 Milliarden mehr als im Jahr zuvor.

Die Pharmaindustrie argumentiert damit, dass Forschung und Entwicklung neuer Medikamente eben hohe Kosten verursachen. Und ein Patent auf ein neues Medikament gelte nicht ewig, dann könnten auch andere Hersteller den Wirkstoff anbieten. Die hohen Preise seien daher gerechtfertigt, damit sich die Investition überhaupt auszahlt. Medikamente sind neben Krankenhauskosten und Ausgaben für ärztliche Behandlungen der dritte große Posten bei den Gesundheitsausgaben.

AMNOG 2011: Neue Medikamente müssen Zusatznutzen bringen

Bisher  waren alle Maßnahmen, die Steigerung einzudämmen, wenig erfolgreich. 2011 zum Beispiel wurde das Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG) erlassen. Es sollte eine Balance zwischen Innovation und Bezahlbarkeit von Medikamenten herstellen und führte dazu ein für Deutschland neues Instrument für die Preisbildung ein: den sogenannten Zusatznutzen. Nur jene neuen Arzneimittel, die für Patienten einen nachweisbaren Nutzen gegenüber bisher angewandten Therapien haben, dürfen auch tatsächlich mehr kosten. Ohne den Zusatznutzen muss sich der Hersteller mit dem Preis an vergleichbaren Medikamenten orientieren, die bereits auf dem Markt sind.

Das schränkte ein bis dahin zäh verteidigtes Privileg der Pharmaindustrie ein – nämlich die Preise für innovative Präparate mehr oder weniger selbst festzulegen. Die neue Verpflichtung, den zusätzlichen Nutzen belegen zu müssen, sollte den Krankenkassen rund zwei Milliarden Euro jährlich sparen. Doch das Gesetz hat dieses Ziel bisher nicht erreicht. Der Arzneiverordnungsreport hielt fest, dass die Einsparungen im Jahr 2015 nur etwa 925 Millionen Euro betrugen – weniger als die Hälfte dessen, was man sich vorgenommen hatte.

Grüne und Linke verlangen mehr Transparenz

Nach wie vor liegen die Preise für die besonders kostspieligen patentgeschützten Arzneimittel in Deutschland deutlich über dem europäischen Niveau. Ein Beispiel: Zusammengerechnet verlangen die Hersteller für die umsatzstärksten patentgeschützten Medikamente in Deutschland 31 Prozent mehr als in Schweden. Mehr Transparenz bei den Preisverhandlungen fordern deshalb die Grünen. "Die Gestaltungsmöglichkeiten sind für die Pharmaindustrie viel größer, wenn keiner weiß, was in den einzelnen Mitgliedsstaaten der EU gezahlt wird", sagt deren gesundheitspolitische Sprecherin Maria Klein-Schmeink.

Über Fakten Kosten dämpfen wollen auch die Linken: Wenn Hersteller gezwungen wären, ihre Kosten für Wirkstoffentwicklung, Studien und Produktion zu veröffentlichen, so das Argument, wäre es für sie schwieriger, überhöhte Preise durchzusetzen. "Die extrem hohen Preise für einige Medikamente im Bereich Onkologie oder Rheumatologie stehen in keinem Verhältnis zu den Entwicklungskosten", sagt Kathrin Vogler, gesundheitspolitische Sprecherin der Linken.

Union und FDP: Verschwendung und Packungsgrößen reduzieren

Um zu sparen, möchte die Union noch an ganz anderer Stelle ansetzen. Anstatt Firmen ihre Preispolitik vorzuschreiben, will die Partei eher die Verschwendung von Arzneien eindämmen. "Da ist mein erster Appell, dass Medikamente, die verschrieben werden, auch genommen werden. Das Wegwerfen von Arzneimitteln ist immer noch ein Thema, das unsere Grundversorgung belastet", sagt Maria Michalk (CDU).

Die FDP regt an, auch das Thema Packungsgrößen zu diskutieren. "Wenn man etwa weiß, dass der Patient bei bestimmten Krankheitsbildern nur sechs Tabletten braucht, ist es Unsinn, zwölf hineinzupacken", sagt die FDP-Vizechefin Marie-Agnes Strack-Zimmermann. Ein Argument, das man auch der Pharmaindustrie nahelegen könne, ist die Liberale überzeugt.

Preisgrenze: Gesuchte Lösung oder Innovationsbremse?

Ein wesentlich umstritteneres Instrument gegen weiter steigende Arzneimittelkosten ist die Preisbremse. Damit würde festgelegt, dass der Umsatz, den ein Unternehmen mit einem neuen Medikament im ersten Jahr auf dem Markt erzielt, eine bestimmte Höchstgrenze nicht überschreiten darf. Eine solche Umsatzschwelle wurde von der Politik bereits diskutiert – als Anfang 2017 das Arzneimittel-Versorgungsstärkungsgesetz beschlossen werden sollte. Doch die Parteien konnten sich nicht auf die Preisbremse einigen.

Ein Versäumnis, wie Maria Klein-Schmeink von den Grünen kritisiert. "Das System ist nach wie vor eine Einladung für die Industrie, erst einmal Mondpreise zu verlangen." Die Union dagegen verteidigt die Entscheidung. Eine klare Preisgrenze hätte zur Innovationsbremse werden können, sagt Maria Michalk, gesundheitspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. "Die Unternehmen brauchen die Sicherheit, dass ihre Forschungskosten refinanziert werden."

Die SPD, als Koalitionspartner an den Verhandlungen beteiligt, hat die Preisbremse ebenfalls aufgegeben. Doch habe man dafür den Pharmaunternehmen ein Zugeständnis abringen können. Die ausgehandelten Preise bleiben weiterhin öffentlich – während die Industrie über die verhandelten Preise lieber Stillschweigen vereinbart hätte. "Dass sich Patienten auch in Zukunft über die vereinbarten Preise informieren können, war uns ein zentrales Anliegen", sagt Hilde Mattheis von der SPD.

Rückwirkende Preiserstattung bei fehlendem Zusatznutzen?

Sollten die Sozialdemokraten in der nächsten Legislaturperiode an der Regierung beteiligt sein, könnte der Verhandlungsspielraum der Industrie bei den patentgeschützten Medikamenten weiter schrumpfen. Denn eine Möglichkeit, die Linke, SPD und Grüne gleichermaßen befürworten, wäre, den Preis rückwirkend an den Zusatznutzen zu koppeln. Heißt: Solange das Verfahren zur Nutzenbewertung noch läuft, ist die Preisgestaltung der Hersteller zwar frei. Liegt aber die Bewertung vor, wird der Preis rückwirkend angepasst. Die Kassen bekämen gegebenenfalls Geld zurück.

Ein Beispiel, wie sich auf diese Weise Ausgaben für Arzneimittel regulieren ließen, liefert der Wirkstoff Palbociclib. Seit November letzten Jahres ist er in Deutschland zur Behandlung von metastasierendem Brustkrebs zugelassen. Eine Packung mit 21 Tabletten kostet rund 5400 Euro, eine einjährige Therapie beläuft sich pro Patientin aktuell auf etwa 66 000 Euro.

Zwar hat der Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen bereits bekannt gegeben, dass das Mittel nicht besser wirkt als andere Therapien. Nach der aktuellen Regelung wird der Preis des Präparats allerdings frühestens im November dieses Jahres sinken. Bei einer rückwirkenden Erstattung würden die Preise schon ab dem ersten Tag der Zulassung gesenkt und so Kosten gespart werden. "Das wäre eine Option, die mir sehr gut gefällt", sagt Hilde Mattheis (SPD).

Forschung an neuen Antibiotika soll durch Fonds gesichert werden

Ganz anders stellt sich die Lage beim Thema Antibiotika dar. Mittel, die gegen resistente Keime wirken könnten, werden händeringend gesucht – doch neue Wirkstoffe sind kaum in Sicht. Dabei wären Innovationen hier Gold wert, möchte man meinen. Schließlich sind multiresistente Keime ein Problem, das die ganze Welt betrifft. Für Pharmafirmen lohnen sich Investitionen in diesem Bereich trotzdem wenig. Schließlich werden neue Antibiotika als eiserne Reserve gesucht. Sie sollen möglichst selten zum Einsatz kommen. Und jahrelange Forschung und Entwicklung in ein Produkt zu stecken, das am Ende bestenfalls keiner kauft, ist aus Unternehmenssicht wenig attraktiv.

Die FDP setzt dennoch weiter auf die Selbstregulierung des Marktes: "Wird ein Medikament wirkungslos und verschreibt es deshalb keiner mehr, dann wird der Druck auf den Hersteller größer, und er wird sich etwas ausdenken müssen", sagt Marie-Agnes Strack-Zimmermann. Ein Gutachten im Auftrag des Gesundheitsministeriums sieht andere Optionen, um den Forschungseifer zu befeuern. Etwa eine Prämie: eine Milliarde Euro für denjenigen, der ein neues Antibiotikum entdeckt und zur Marktreife bringt. Ob das bei der Industrie zieht, daran zweifeln unter anderem Unions-Politiker. Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) schlug unlängst zusätzlich einen internationalen Fonds vor, der die Grundlagenforschung in dem Bereich fördert.

Auch Grüne und Linke sehen die Lösung in öffentlichen Forschungseinrichtungen und internationaler Zusammenarbeit. Und in klaren Regeln: "Nur das könnte verhindern, dass Pharmafirmen die Forschungsergebnisse der öffentlichen Einrichtungen aufkaufen und praktisch doppelt profitieren", sagt die Linken-Politikerin Vogler.

Eine weitaus größere Rolle als die Antibiotika dürfte in der kommenden Legislaturperiode aber die Preisentwicklung bei neuen Medikamenten spielen. Eine Zuspitzung des Problems ist absehbar. Je besser die Therapieangebote für den Einzelnen werden, desto höher die Kosten für alle. Welche Folgen das schon heute für ein Gesundheitssystem haben kann, ist etwa in Großbritannien zu sehen. Dort legte der Nationale Gesundheitsdienst fest, wie man mit den teuren neuen Hepatitis-C-Therapien verfahren soll. Die Zahl der Patienten, die die Behandlung bekommen, wurde auf 10 000 pro Jahr festgesetzt. Aus Kostengründen.



Bildnachweis: W&B/Nina Schneider

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